Menschenwürdige Unterbringung.
So viel Hilfe wie nötig, so viel Selbstständigkeit wie möglich!

20-jähriges Jubiläum Obdachlosenhaus

Es wurde 20 Jahre alt ...

Obwohl es normalerweise nie wirklich beschaulich zugeht in der Albert-Schweitzer- Strasse in Toitenwinkel, derartig viel Trubel sieht Rostocks Obdachlosenhaus auch nicht alle Tage. Ungewohnte, klassische Klänge dringen aus den Räumen der Tagespflege im Erdgeschoss, neugierige Besuchergruppen erkunden im Rahmen von Führungen das weitläufige Gelände und einige Bewohner des Heimes empfehlen sich im hauseigenen Café als Servicekräfte für die zahlreichen Gäste …

Klaviermusik

Das Obdachlosenhaus feiert Geburtstag an diesem 12.01.2017 und es gibt viele Gründe, ordentlich zu feiern. Vor über 20 Jahren wurde der Verein von einigen Enthusiasten gegründet und bezog bald darauf, kurz vor Weihnachten 1996, die in Toitenwinkel leerstehende ehemalige KiTa. Gegen verschiedenste Widerstände und Hürden und trotz mangelnder Akzeptanz seitens der Behörden und ‚konkurrierender‘ sozialer Träger wurden auf dem brachen Gelände diverse Konzepte für die Zukunft entwickelt und über die Jahre geduldig umgesetzt.

Es ist bei einem der geführten Rundgänge durch das große, über 100 Bewohnern Platz bietende Haus mit seinen zugehörigen Einrichtungen wie der Werkstatt oder den ‚Oldie- Häusern‘ kaum noch nachvollziehbar, wie es damals vor Ort aussah. Langsam aber stetig entwickelte sich hier eine kleine Welt mit vielfältigen Strukturen, oft rustikalen Bewohnern und festen, nicht verhandelbaren Regeln. ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ ist der Leitsatz dieser Einrichtung, beginnend bei der Straßensozialarbeit an den Brennpunkten der Hansestadt und im idealen Falle endend mit dem erneuten Einzug in eigenen Wohn- raum. Der Weg zurück in ein normales Leben ist für alle schwierig und für manche unmöglich und so steckt dieses Gebäude voller Geschichten, die einem in jedem Winkel begegnen und die in 20 Jahren durchlebten Höhen und Tiefen vor Augen führen.

Geschichten von dramatischen Biographien, von hoffnungslosesten Situationen und aus den Fugen geratenen Leben. Geschichten von klammen Kassen und immerwährendem Kampf um Finanzierungen und Spenden. Geschichten von Verlust und Trauer - weit über 50 Bewohner sind über die Jahre in der Einrichtung verstorben und auch lang- jährige liebgewonnene Kollegen sowie prominente Unterstützer wie der Rostocker Künstler Jo Jastram hat der Verein leider verloren.

 Geigen

Dennoch überwiegen die anderen Geschichten, die von über 1.250 Ein- und Auszügen im Haus, die über ständig steigende Akzeptanz im Wohngebiet, von vielen neuen und erfolgreichen Seitenprojekten (eigener Pflegedienst, eigenes Pflegeheim für Sucht- und Demenzkranke, Tagespflege), von fast 450 Klienten, die den Weg zurück in eine eigene Wohnung geschafft haben und den fast 70 Mitarbeitern, die Ihnen dabei halfen. Einige sind bereits von Anfang an dabei und feiern jetzt ihr ganz eigenes 20-jähriges Jubiläum. Ganz besonders stolz sind alle Beteiligten auf die ca. 10 Kollegen, die sich vom ehe- maligen Wohnungslosen zum engagierten Mitstreiter entwickelt haben und den Verein seit Jahren tatkräftig unterstützen. Und so begegnet man immer wieder auch der Geschichte von ‚Billy‘, dem Streetworker, der als schwerkranker, vom Alkohol fast zerstörter Klient in Toitenwinkel ankam und später seine Erfahrungen vom Leben auf der Straße mit unerschütterlichem Optimismus in den Straßensozialdienst einbrachte.

Es zeugt von der oft traurigen Ambivalenz der Thematik, dass ‚Billy‘ seinen Kampf gegen den Krebs kurz vor seinem 10-jährigen Dienstjubiläum verlor und die fröhliche Feier jetzt nur von einem der vielen Bilder in den Räumen beobachten kann. Als zum späteren Abend ein kleines Feuerwerk den Himmel über dem Haus erhellt sind sich alle Beteiligten einig - er schaut bestimmt zu und er ist bestimmt mächtig stolz …

Ralf Nadler